Eine Stadt, die sich Zeit lässt.
Manchmal werde ich gefragt, was man in Wismar machen sollte, wenn man nur einen Tag hat. Ich antworte nie ganz richtig, weil ich glaube, dass Städte sich nicht abarbeiten lassen. Aber wenn du Lust hast, hier ist ein Tag, wie ich ihn manchmal selbst verbringe — wenn ich nicht im Laden stehe und mir die Stadt zurückerobere wie eine alte Freundin, mit der man Zeit hatte, sich aus den Augen zu verlieren.
- 01
Morgens am Hafen — vor halb acht, wenn möglich.
Das Licht am Alten Hafen tut zu dieser frühen Stunde etwas, was es später am Tag nicht mehr tut: niedrig, schräg, kalt, klar, je nach Jahreszeit silbrig oder honiggelb. Es trifft die Backsteinfassaden, als hätte es das tausendfach geübt. Hat es ja auch. Ich gehe am Wasser entlang, schaue auf die Poeler Kogge, höre auf das Geräusch, das Wasser an alte Holzbohlen macht. Wenn ich Glück habe, treffe ich keine Menschen. Wismar morgens ist eine andere Stadt als Wismar mittags — und die ehrlichere von beiden.
- 02
Frühstück mit Zeitung — und niemandem, der nervös wird.
Gegen acht gehe ich frühstücken. Ein guter Frühstücksplatz ist einer, an dem man eine Zeitung lesen darf, ohne dass jemand darauf wartet, dass du wieder gehst. Wenn du eher der Bäckerei-Mensch bist: ein Franzbrötchen am Marktplatz. Der Platz mit dem klassizistischen Rathaus und der berühmten Wasserkunst — dem zwölfeckigen Pavillon aus dem 16. Jahrhundert — ist ein Ort, an dem man eine Viertelstunde sitzen und einfach gucken kann.
- 03
Welterbe-Spaziergang — die kompakte Tour.
Wismar ist seit 2002 UNESCO-Welterbe. In einer Reihenfolge, die zu Fuß angenehm ist: St.-Nikolai-Kirche (Backstein in dieser Höhe macht etwas mit einem), St.-Georgen-Kirche (wieder aufgebaut, gewaltig, ein Beispiel dafür, wie man eine Ruine ehrt, ohne sie zu kopieren), Wassertor (das einzige erhaltene mittelalterliche Stadttor), Heilig-Geist-Spital (der Hof ist still wie ein Kloster), dann zurück zur Wasserkunst am Marktplatz.
- 04
Lieblings-Läden in der Altstadt.
Hier ein paar inhabergeführte Stopps — ich bevorzuge Orte, die etwas Eigenes machen. Eine kleine Buchhandlung, in der man Beratung bekommt, die diesen Namen verdient. Eine Keramikerin mit Schaufenster, in der Hand und Material ehrlich zusammenarbeiten. Ein Vintage-Antikladen für Möbelschätze. Ein Feinkostladen für Mitbringsel. Und natürlich: Martha's & Maria's, Fischerreihe 3 — der helle Eckraum mit dem Eukalyptus im Fenster. Ich freu mich, wenn du reinschaust.
- 05
Mittagspause am Wasser.
Wenn dir nach einer ordentlichen Portion ist, gibt es in Hafennähe Brauhäuser und Restaurants mit norddeutscher Küche. Mein Lieblingsweg: ein Fischbrötchen mit Bismarck direkt am Kai, mit Möwen, die ziemlich aggressiv interessiert sind. Sehr norddeutsch, sehr schön. Bonus: günstig, ehrlich, ohne Reservierung.
- 06
Nachmittagskaffee — das andere Licht.
Gegen drei, vier, wenn das Licht wieder anders wird, gönn dir einen Kaffee mit Stück Kuchen. Setz dich, wenn möglich, ans Fenster. Die Altstadt am Nachmittag, wenn die Tagesausflügler langsam Richtung Bahnhof wandern, hat etwas Entspanntes. Du bist dann nicht mehr Tourist, sondern Anwohner für eine Stunde.
- 07
Sonnenuntergang am Alten Hafen — keine Promenade, ehrlich.
Den Abend solltest du am Wasser verbringen. Keine Lichterketten, keine aufgemotzten Bars — Backstein, Wasser, vielleicht ein Eis aus der Tüte. Lehn dich an die Kaimauer. Schau zu, wie das Licht auf der gegenüberliegenden Seite die Speicher in Bernstein verwandelt. Der Wind kommt fast immer auf. Du riechst Wasser, manchmal Algen, manchmal Diesel. Es ist nicht romantisch im Postkartensinn. Es ist ehrlich. Und genau das macht es so gut.
Wismar lässt dich mit etwas nach Hause gehen, das schwer zu benennen ist. Eine Art Ruhe. Eine Empfindung von Kontinuität — dass Dinge bleiben können, wenn man sie lässt.
Und mit einer kleinen Kerze, einer Vase oder einem weichen Stoff aus meinem Laden, hoffentlich. Pack sie sorgsam ein, leg sie in die Tasche, und denk an mich, wenn du sie zu Hause auspackst.
— Marika